Unser Aikido - Dojo im Portrait

Wir haben uns für ein traditionell organisiertes Dojo entschieden, um konsequent Aikido trainieren und anderen kleineren Budo-Gruppen die gleiche Möglichkeit bieten zu können.
Eine herkömmliche Sportschule mit limitierten Trainingszeiten, oft ohne Zugang zu den Übungsräumen außerhalb der Trainingszeiten und dennoch höheren Mitgliedsbeiträgen, ermöglicht uns nicht die Umsetzung unserer Vorstellungen.

Wir bieten den Mitgliedern die Möglichkeit, das Dojo außerhalb der regulären Trainingszeiten im Rahmen seiner Bestimmung zu nutzen.

Unsere Trainer arbeiten ebenso ehrenamtlich wie die Mitglieder, die besondere Aufgaben (Mitgliederverwaltung, Pflege der Webseite, Reinigung usw.) übernehmen. Wir betreiben das Dojo also nicht kommerziell, so dass die Beiträge sich an den laufenden Kosten sowie den erforderlichen Rücklagen orientieren.

Das Aikikai-Zertifikat unseres Dojos findet ihr hier.


 

Mit der folgenden Darstellung möchte ich den Interessierten einen Einblick in die Entstehung des Dojos (1) seinen Standort (2), mein Verständnis des Aikido (3) und eines Dojos (4) ermöglichen.

1. Entstehung des Aikidojos Kiel

Im Jahr 1987 begann ich das Training in einer Kieler Sportschule. Von den zahlreichen Stilrichtungen des Aikido wusste ich noch nichts. Trainiert wurde der eher sportlich ausgerichtete Stil des DAB (Deutscher Aikido Bund). Angeschlossen hatten sich dieser Trainingsgruppe zunächst überwiegend fortgeschrittene Jiu-Jitsu-Schüler derselben Schule. Dies sorgte für einen gewissen Realitätssinn.

Ich intensivierte das Training schon bald und begann, mit meinem Trainer Gerd Henke bei jeder sich bietenden Gelegenheit zu üben. Ferner schloss ich mich zusätzlich einer weiteren Trainingsgruppe des DAB unter Roland Nemitz (damals 4. Dan) an.

Insbesondere auch der ständige Kontakt mit anderen Kampfkünsten an der Sportschule, führte zunehmend zu einer kritischen Distanz und nach bestandener "Braungurtprüfung" im Jahr 1990 dazu, dass ich für ein Jahr zusätzlich Jiu Jitsu trainierte.

Das Resultat dieses Trainings überzeugte den DAB nicht, so dass ich die Prüfung zum 1. Dan nicht bestand. Dies war eine für Gerd Henke, der mich vorbereitet hatte, und mich schmerzhafte, aber letztlich konsequente Entscheidung der Prüfungskommission, die uns vor Augen führte, wie weit wir uns schon von dem Verbandsstil entfernt hatten.

Es folgte eine Neuorientierung, die uns schnell zu hoch graduierten Schülern des inzwischen verstorbenen Morihiro Saito (9. Dan), des langjährigsten Schülers des Begründers des Aikido Morihei Ueshiba in Verbindung brachte. Es handelte sich um Edmund Kern (8.Dan) und Milan Milosevic (4. Dan). Milan erklärte sich bereit, Gerd und mich zu unterrichten, so dass wir unseren Stil umstellten und das von Saito Sensei als Iwama Ryu bezeichnete Aikido trainierten. Dieser Stil entsprach auch wegen des intensiven Trainings mit Waffen (Boken, Jo) unseren Vorstellungen, u.a. weil gerade das Waffentraining die waffenlosen Techniken transparent machte.

Nach mehr als 2-jährigem "Umstellungstraining" erhielt ich im Sommer 1994 den 1. Dan. Im Jahr 1996 verließ Gerd nach fast zehnjährigem gemeinsamen Weg Kiel und ich überführte die durch den Stilwechsel stark geschrumpfte Gruppe in die neu gegründete Jiu-Jitsu-Schule "Midori-Dojo" in Kiel. Co-Trainer war Martin Sprung, der im Jahr 1995 mit dem Training begonnen hatte und bereits nach kurzer Zeit für drei Monate nach Iwama, in den Ort der Entstehung des Aikido, reiste, um dort unter Saito Sensei zu trainieren.
 
Der Beginn war mühsam. Das von uns vertretene Iwama Ryu erschien vielen Interessenten zu hart, das intensive Waffentraining zu ungewohnt und fremdartig. Selbstkritisch muss ich aber wohl auch einräumen, dass viele technische Details sich noch nicht ausreichend verfestigt hatten, um eine rundum überzeugende Präsentation zu ermöglichen.

Im Jahr 2000 legte ich aber nach intensiver Vorbereitung durch Milan die Prüfung zum 2. Dan bei den deutschen Repräsentanten von Saito Sensei Ute und Mark van Meerendonk (6. Dan) ab.

Das Jahr 2002 brachte einschneidende Veränderungen:

 
Saito Sensei, dessen Lehrgänge in Deutschland ich seit 1992 regelmäßig besuchte, verstarb am 13.05.2002.

 
Anfang des Jahres schloss das Midori-Dojo und nach einer improvisierten Zwischenlösung mieteten wir im Sommer unsere jetzigen Räume an.

Im September 2004 veranstalteten wir einen internationalen Lehrgang in Kiel mit Ulf Evenas aus Göteborg (7. Dan) sowie Ute und Mark van Meerendonk. Dieser Lehrgang war rundum ein Erfolg, zeigte aber auch die Schwierigkeiten, die damit verbunden sind, dass unser Dojo geographisch weitab von den meisten anderen Dojos liegt. Immerhin kamen zu diesem Lehrgang Gäste aus Schweden und ganz Deutschland.

 
Im Jahr 2008 waren die Meinungsverschiedenheiten mit Martin Sprung, der die Entwicklung des Dojos insbesondere seit 2004 stark vorangetrieben hatte, nicht mehr zu überbrücken. Daher verließ Martin das Dojo noch im Sommer.
 

2. Standort des Aikidojo Kiel

Inzwischen hat sich das Dojo zu einem festen Bestandteil der Kieler Budo-Szene entwickelt. Für die Ausbildung stehen insgesamt sechs Yudansha vom 1. bis 4. Dan zur Verfügung. Dadurch ist es uns möglich, mehr als sieben Trainingseinheiten/Woche anzubieten.
 
Die Mitgliederzahl hat sich auf etwa 30 Erwachsene eingependelt. Die Kindergruppe hat 18 Mitglieder und führt eine Warteliste. Alle Prüfungen bis 1. Kyu werden innerhalb des Dojos abgenommen. Die Prüfungen ab 1. Dan nehmen Ute und Mark van Meerendonk in Schwckartshausen bei Nidda ab. Viele Mitglieder beteiligen sich an den für das Betreiben des Dojos notwendigen Arbeiten, so dass wir die Mitgliedsbeiträge seit über acht Jahren unverändert auf Vereinsniveau halten können.


3. Aikido im Aikidojo Kiel

Vorab muss ich natürlich darauf hinweisen, dass die nachfolgende Darstellung nur meine persönliche, im Lauf der Jahre gewachsene Überzeugung abbildet.
 
Aikido ist eine Kampfkunst, kein Kampfsport. Es gibt also keine Turniere, keinen Leistungsvergleich der Übenden nach Kampfstärke usw.. Ebenso gibt es kein Regelwerk, welches bestimmte Techniken als unsportlich, d.h. für Wettkämpfe unter sportlichen Bedingungen als zu gefährlich ausschließt. Die Techniken selbst sind so zu trainieren, dass ihre Gefährlichkeit sich nicht verwirklicht.

Damit stellt sich die Frage nach dem Selbstverteidigungswert der Aikido-Techniken.

Zunächst: Was ist Selbstverteidigung überhaupt?

Nach meinem Verständnis geht ein zeitgemäß definierter Selbstverteidigungsbegriff weit über das hinaus, was erforderlich ist, um erfolgreich Straßenkämpfe zu bestehen. Wer Straßenkampf erlernen will (was vielleicht überhaupt nicht möglich ist, wenn es einem nicht "im Blut liegt") sollte sich zunächst klarmachen, dass sie/er die Einhaltung irgendwelcher Anstandsregeln (Aussparen bestimmte Techniken und Körperstellen wegen zu großer Gefährdung des anderen, kein Angreifen von Schwächeren, kein Einsatz von Messern, Flaschen, abgeschlagenen Gläsern usw., Beendigung des Kampfes bei Wehrlosigkeit des Gegners) vergessen kann, sie/er sich aus möglicherweise nichtigem Anlass (anrempeln, schiefe Blicke usw.) auf die Gefahren schwerer körperlicher Verletzungen (z.B. Schädel-Hirn-Traumata, Brüche aller Art, Bänderrisse, Stichverletzungen in lebenswichtigen Organen und Blutgefäßen) einlässt und es eher unwahrscheinlich ist, dass sie/er aus einer ernsthaften Auseinandersetzung auf der Straße unverletzt hervorgeht, "die Straße" aufrüstet und die Möglichkeit einer effizienten unbewaffneten Verteidigung zum Beispiel gegen realistische Messerangriffe - ich rede hier nicht von launigen Dojotechniken - jedenfalls für "Amateure", was die meisten Kampfkünstler und - Sportler sind, mehr als zweifelhaft ist (wer das nicht glaubt, dem empfehle ich, ein messerähnliches Holzstück beidseitig mit roter Kreide einzufärben und einen einigermaßen begabten Partner zu bitten, schnelle Stich- und Schnittangriffe mit Täuschungsmanövern auszuführen und sich die Farbspuren als Messerverletzungen vorzustellen - viel Spaß!).
 
Berücksichtigt man dann folgendes:
Die Wahrscheinlichkeit, ungewollt und ohne eigene Provokation in eine körperliche Auseinandersetzung verwickelt zu werden, ist einigermaßen gering und lässt sich durch das bewusste vermeiden spezifischer Situationen und Örtlichkeiten weitgehend ausschließen. Ginge es wirklich nur um reine Selbstverteidigung, d.h. um die umfassende Bewahrung der eigenen Integrität, wäre es vermutlich weitaus effizienter, Konfliktvermeidung zu trainieren und sich für den Ernstfall mit Pfefferspray auszurüsten, anstatt waffenlose Kampfkünste zu studieren.
 
Auch ein mit erheblichen Verletzungen überstandener Straßenkampf kann die berufliche und private Selbstverwirklichung erheblich gefährden (z.B. erhebliche Beeinträchtigung der Sehfähigkeit nach Schlag auf das Auge, Beeinträchtigung der geistigen Leistungsfähigkeit nach Kopftreffern mit, aber auch ohne Waffen, Abriss der Kniebänder nach low kick).
 
Das Konzentrieren auf straßengängige Techniken lenkt tendenziell von dem ab, was heute für ein persönlich erfolgreiches Leben weitaus wichtiger ist, nämlich soziale Kompetenz, Teamgeist, Kampfgeist im weitesten Sinne, Durchhaltevermögen, Engagement, geistige Beweglichkeit, die Fähigkeit wesentliches von unwesentlichem zu unterscheiden und dergleichen mehr.

Unter diesen Gesichtspunkten komme ich auf den nach meinem Verständnis mit dem Aikido verbundenen Selbstverteidigungsbegriff zurück. Das Aikido als "harmonischer Weg" wurde nach dem 2. Weltkrieg auf der Grundlage traditioneller Waffen- und Körpertechniken weiter herausgebildet, und ich unterstelle, dass die traumatische Erfahrung der verlustreichen Niederlage Japans und der nuklearen Katastrophen von Hiroshima und Nagasaki den Begründer des Aikido Morihei Ueshiba tief beeindruckt haben. Man könnte daraus ableiten, dass es das Ziel des Aikido ist, die traditionellen Werte und kämpferischen Fähigkeiten der Samurai (wie auch der Kriegerkasten aller Kulturen) wie Loyalität, Kampfgeist, Mut usw. nicht mehr für im Ergebnis selbstzerstörerische sinnlose Kriege, sondern für ein friedliches soziales Gemeinwesen und die eigene Selbstverwirklichung darin einzusetzen.

Damit wäre allerdings die Frage zu beantworten, wieso (nicht warum) das Training körperlicher Kampftechniken auch die genannten mentalen Eigenschaften fördern können sollte.

Diese Frage zielt auf psychomotorische Zusammenhänge ab. Ich beziehe mich zunächst auf einen Mann, dessen Bücher und Übungen mich entscheidend beeinflusst haben und der der erste Judo-Lehrer (Dan-Träger) Europas war und zur Entwicklung des Judo in Europa maßgeblich beigetragen haben soll. Es handelt sich um den 1984 verstorbenen Moshe Feldenkrais, dessen Erkenntnisse man vielleicht im vorliegenden Zusammenhang stark vereinfacht so zusammenfassen könnte: Seelische und körperliche Verhaltensmuster sind miteinander verschränkt und beeinflussen einander. Die Fähigkeit, körperliche Bewegungsmuster zu ändern und zu verfeinern kann zur Auflösung starrer seelischer Verhaltensmuster und Erweiterung der Handlungsmöglichkeiten führen.

Wer im Rahmen seiner Möglichkeiten regelmäßig und konsequent Aikido trainiert, wird diese Aussage nachvollziehen können. Die Waffen- und Basistechniken trainieren den Körper, sorgen für eine verbesserte Koordination der Bewegungsabläufe und auch aufgrund der vermehrten "Power" für ein erhöhtes körperliches und durchaus auch kämpferisches Selbstbewusstsein. Das Training der traditionellen Kampftechniken verschafft zunehmend Fähigkeiten und Einsichten in die auch strategischen Prinzipien physischer Auseinandersetzungen und die übergreifende Bedeutung dieser Prinzipien für die meines Erachtens in der heutigen Zeit notwendig im Vordergrund stehenden geistigen Auseinandersetzungen mit sich selbst und anderen (z. B. in folgenden Situationen: tief greifende Lebenskrisen, familiäre Konflikte, Ärger mit Vorgesetzten, Mobbing).

Regelmäßiges und konsequentes Training führt dann in den Kernbereich des Aikido, die Techniken so auszuführen, dass die Kraft des Angriffs umgelenkt und unter Verzicht auf zerstörerische Gewalt möglichst unter Nutzung der Angriffsenergie geführt wird.

Ob dieser Ansatz sich immer in reiner Form auf der Straße verwirklichen lässt, ist zu bezweifeln. Mit Sicherheit wird er aber die Konfliktbewältigungs- und Vermeidungsstrategien verbessern und damit zu einer Verbesserung der Selbstbehauptung sowie der Dialogfähigkeit in allen betroffenen Lebensbereichen führen.

Im übrigen möchte ich die nachfolgenden Passagen aus dem Buch "Siu Nim Tau" von GGM Leung Ting (Wu-Shu-Verlag Kernspecht) zitieren (S. 13):

"Wing Tsun betont die Fähigkeit, die Kraft des Gegners gegen ihn zu richten. Um diese Umkehrung der Kraft erfolgreich zu bewerkstelligen, muss der Wing Tsun - Praktizierende drei wesentliche Mottos meistern können. Als Erstes muss er sich "Von seiner eigenen Kraft befreien". Als Zweites muss er sich "von der Kraft des Gegners befreien". Drittens muss er fähig sein, "die Kraft des Gegners zu nutzen", sie also zu borgen und beim Kontern gegen ihn zu verwenden."

Dem ist aus meiner Sicht bezüglich des Aikido nichts hinzufügen. Die Straßentauglichkeit des Wing Tsun wird soweit ich es ersehen kann im allgemeinen nicht bezweifelt. Diese Straßentauglichkeit dürfte allerdings auch auf der trainierten Bereitschaft beruhen, den Angreifer auf dem direktesten Weg physisch auszuschalten, also auf einer Bereitschaft, die im Aikido gerade nicht im Vordergrund steht.
 
Zum Schluss noch kurz zum Thema Aikido und Spiritualität:

Aikido ist eine tief spirituelle Kampfkunst. Nach meinem Verständnis bedeutet Spiritualität das Streben nach unmittelbarer Selbsterfahrung. Diese zu beschreiben oder sogar für sich zu postulieren wirkt vorlaut und fade und könnte den Eindruck der Sektiererei entstehen lassen, während das Dojo weltoffen bleiben soll. Deshalb möchte ich auf diesen Gesichtspunkt nicht weiter eingehen und es jedem selbst überlassen, ob und mit welcher Intensität er ihn mit dem Training des Aikido verfolgen möchte

4. Dojo

Der Ort, an dem Aikido (oder eine andere japanische Kampfkunst) praktiziert wird, ist das Dojo, der "Ort des Weges". Es handelt sich dabei also um keine Sporthalle, sondern nach meinem Verständnis um ein Gesamtgebilde aus Räumen, Verhaltensregeln, Umgang der Mitglieder miteinander, deren Einstellung zum Training usw. All dies dient dazu, ein intensives Erlernen des Aikido (oder einer anderen Kampfkunst) und die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit sowie der Gemeinschaft zu ermöglichen. Nach meiner Erfahrung sind diese Ziele im Rahmen eines Vereins mit zugeteilten Trainingszeiten oder einer kommerziellen Sportschule mit Unterricht in vielen verschiedenen Kampfkünsten nur schwer zu erreichen. Ich glaube, dass wir dem so verstandenen Ideal eines Dojos in den letzten Jahren beständig näher gekommen sind.


Stefan List